Es war der emotionalste Schlusspunkt der diesjährigen US Open. Stan Wawrinka hat auf der ganz grossen Tennis-Bühne sein letztes Hurra gegeben. Zehn Jahre nach seinem geschichtsträchtigen Triumph an gleicher Stätte verabschiedete sich der 41-jährige Schweizer Altmeister in der ersten Runde des Turniers. Gegen die italienische Naturgewalt Matteo Berrettini mobilisierte der dreifache Grand-Slam-Sieger noch einmal alle verbliebenen Kraftreserven, musste sich jedoch nach einem dramatischen Kampf über zwei Sätze am Ende geschlagen geben. Was blieb, war kein bitterer Abgang, sondern eine gigantische, tränenreiche Ehrerweisung des New Yorker Publikums für einen der grössten Kämpfer, die dieser Sport je gesehen hat.
Der stimmungsvolle Grandstand von Flushing Meadows war bis auf den letzten Platz besetzt, als die beiden Gladiatoren den Court betraten. Die Atmosphäre glich eher einem elektrisierenden Halbfinale als einer Erstrundenpartie am späten Abend. Das New Yorker Publikum, bekannt für seine frenetische und emotionale Unterstützung, hatte von der ersten Sekunde an verstanden, welche historische Bedeutung diesem Match zukam. Es sollte das 78. und definitiv letzte Grand-Slam-Turnier in der Karriere des Mannes werden, den die Tenniswelt über zwei Jahrzehnte hinweg ehrfürchtig und liebevoll zugleich „Stan the Man“ getauft hatte. Erst durch eine Last-Minute-Wildcard der Veranstalter war dieser Kreis überhaupt geschlossen worden – eine Geste des Respects vor einem Champion der Vergangenheit.
Der heroische Widerstand in der New Yorker Hitze
Vom ersten Ballwechsel an entwickelte sich ein Match, das die Zuschauer von den Sitzen riss. Matteo Berrettini, die aktuelle Nummer 43 der ATP-Weltrangliste, feuerte von Beginn an seine gefürchteten Vorhandgeschosse ab und versuchte, den feuchten New Yorker Abendwind mit purer Physis zu diktieren. Doch Wawrinka, derzeit auf Position 129 geführt, dachte gar nicht daran, sich kampflos in sein Schicksal zu fügen. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks und der Wucht seiner berühmten, einhändigen Rückhand hielt der Routinier dagegen.
Im ersten Satz geriet der Waadtländer schnell durch ein frühes Break ins Hintertreffen. Doch wer die Karriere von Stan Wawrinka verfolgt hat, weiss, dass dieser Mann in den tiefsten Tälern seine grösste Stärke findet. Er kämpfte sich zurück, egalisierte den Rückstand und erarbeitete sich beim Stand von 5:4 unter dem tosenden Applaus der Zuschauerränge sogar einen Satzball. Berrettini musste sein absolut bestes Tennis aufbieten, um diesen abzuwehren. Im anschliessenden Tiebreak gaben Nuancen den Ausschlag zugunsten des physisch frischeren Italieners, der den Durchgang mit 7:4 in der Kurzentscheidung für sich entschied.
| Spieler |
1. Satz |
2. Satz |
3. Satz |
| 🇮🇹 Matteo Berrettini |
77 |
77 |
6 |
| 🇨🇭 Stan Wawrinka |
64 |
63 |
0 |
Der zweite Satz sollte sich zu einem wahren Epos entwickeln. Wawrinka schien den Verlust des ersten Satzes komplett abgeschüttelt zu haben. Er agierte nun noch aggressiver, ging volles Risiko bei den Returns und schaffte tatsächlich das Break zur Führung. Beim Stand von 5:3 schlug der Schweizer unter ohrenbetäubendem Lärm zum Satzausgleich auf. Die Sensation lag in der Luft. Doch der Sport kennt keine Romantik. Berrettini mobilisierte all seine Klasse, wehrte in diesem dramatischen Durchgang insgesamt drei Satzbälle von Wawrinka ab und erzwang erneut das Tiebreak. Wieder bewies der Italiener in den entscheidenden Momenten die besseren Nerven und stellte mit einem 7:3 in der Kurzentscheidung die Weichen endgültig auf Sieg.
Der bittere Kraftverlust und das Aufbäumen im Geiste
Die vergebenen Chancen im zweiten Satz brachen Wawrinka schliesslich das sprichwörtliche Genick. Der kräftezehrende Kampf in der schwülen Nacht von Queens hatte tiefe Spuren in den Muskeln des 41-Jährigen hinterlassen. Der Geist war willig, doch der von jahrelangen Verletzungen gezeichnete Körper konnte dem unerbittlichen Tempo Berrettinis im dritten Durchgang nichts mehr entgegensetzen. Nach exakt 2 Stunden und 54 Minuten Spielzeit stand das bittere, aber absehbare 0:6 an der Anzeigetafel. Ein Resultat, das den dramatischen und engen Verlauf der ersten zwei Stunden in keiner Weise widerspiegelte.
Direkt nach dem verwandelten Matchball verzichtete Matteo Berrettini auf jeglichen Jubel. Er eilte stattdessen sofort ans Netz, zog Wawrinka in eine lange, innige Umarmung und klatschte mit dem Schläger auf sein Herz, während er das Publikum aufforderte, den wahren Giganten des Abends zu feiern. Es war eine zutiefst sportliche und respektvolle Geste, die den emotionalen Damm auf den Rängen endgültig brechen liess. Die Zuschauer erhoben sich wie ein Mann von ihren Sitzen und verabschiedeten die Schweizer Legende mit minutenlangen Standing Ovations.
Ein Zitat für die Ewigkeit
Mit Tränen in den Augen, sichtlich überwältigt von der Welle der Sympathie und Liebe, die ihm entgegenschlug, trat Stan Wawrinka an das Mikrofon auf dem Court. Er bedankte sich bei den Fans, formte mit seinen Händen ein Herz in Richtung der Tribünen und sprach Worte, die keinen der Anwesenden kaltliessen und als eines der emotionalsten Statements in die Geschichte des Turniers eingehen werden:
„Vor 20 Jahren bin ich das erste Mal nach New York gekommen. Als Junge aus einem kleinen Schweizer Bauerndorf fühlte sich hier alles viel zu gross an. Aber über all die Jahre habe ich hier so viel Liebe erfahren. Genau für diese Momente, die ihr mir heute Abend geschenkt habt, habe ich bis zum Alter von 41 Jahren weitergekämpft. Es bricht mir das Herz, aber ich bin unendlich dankbar. Ich werde New York extrem vermissen.“
Mit diesen Worten verlässt ein ganz Grosser die wichtigste Bühne des Tennissports. Wawrinka, der in seiner Karriere die Phalanx der schier übermächtigen „Big Three“ durchbrechen und drei Grand-Slam-Titel erringen konnte, hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu schliessen sein wird. Seine kompromisslose Kampfkraft, seine Bescheidenheit abseits des Platzes und seine Fähigkeit, in den grössten Momenten über sich hinauszuwachsen, haben ihn zu einem weltweiten Vorbild gemacht. Seine aussergewöhnliche Reise neigt sich dem Ende zu: Im kommenden Oktober wird er vor Heimpublikum bei den Swiss Indoors in Basel seine Karriere endgültig beenden. New York wird ihn jedenfalls niemals vergessen.